Am Reformationstag haben wir Luther gefeiert – ohne Gruselstories. Heute lohnt ein Blick auf alles, was nicht auf den Thesenanschlag-Tassen oder -Shirts steht.
Der Schrein, der nie alt wird. Der Essay beginnt in Japan. Der Schrein von Ise wird alle 20 Jahre komplett abgerissen und daneben neu gebaut, seit dem Jahr 690. Kein Balken ist älter als zwei Jahrzehnte, und doch steht dort eine Tradition von dreizehn Jahrhunderten. Die Formel dazu lautet: Man verändert sich, um unverändert zu bleiben. Das ist das ganze Buch in einem Satz.
Mythenjagd inklusive. Boeddinghaus räumt freundlich, aber gründlich auf:
- Ecclesia semper reformanda stammt nicht von Luther, nicht von Calvin und nicht von Zwingli. Der früheste Beleg führt zu einem niederländischen Pfarrer von 1674, populär wurde der Satz durch Karl Barth.
- „Tradition ist nicht die Anbetung der Asche, sondern die Weitergabe des Feuers“? Gehört nicht Gustav Mahler, sondern vermutlich Jean Jaurès.
- Und Rosa Parks war nicht einfach müde. Sie sei nur „des Nachgebens müde“ gewesen, und vorher hatte sie eine Schulung absolviert.
Der Luther, der auf keiner Tasse steht. Der Essay verschweigt auch die dunkle Seite nicht. 1525 forderte Luther, die aufständischen Bauern zu erschlagen „wie einen tollen Hund“. Die Bauern hatten die Reformation nur beim Wort genommen.
Überraschungen aus fünf Jahrtausenden. Wir treffen:
- den ersten Reformer der Weltgeschichte, Urukagina von Lagasch (24. Jh. v. Chr.),
- einen Streit um die Zahl der Finger beim Kreuzzeichen, der die russische Kirche spaltete,
- die Täuferkörbe in Münster, die bis heute am Kirchturm hängen,
- eine Klimabewegung, die wir von der Reformationsbrille aus betrachten, mit gleichen Maßstäben für Rechte und Linke.
Und jetzt der Spoiler (Achtung!). Am Ende gibt es fünf Prüfsteine für echte Erneuerung. Sie gelten für Partei, Klimagruppe und Heimatverein ebenso wie für Kirchenvorstände:
- Funktion: Dient die Reform dem ursprünglichen Zweck?
- Lernfähigkeit: Hört sie Kritik?
- Schutz der Schwachen: Wer profitiert?
- Kein Feindbild: Bleibt der Gegner ein Mensch?
- Selbstreform: Reformiert sie auch sich selbst?
Die Pointe: Echte Erneuerung legt eine Funktion frei, die verschüttet war. Eine bloße Neuauflage wechselt nur das Etikett. Man erkennt den Unterschied daran, ob Menschen anders leben, nicht nur anders reden. Dazu passt Lampedusas Warnung aus dem Leoparden: „Wenn wir wollen, dass alles bleibt, wie es ist, muss sich alles ändern.“ Das beschreibt die Reform als Fassade.
Ihr Auftrag für diese Woche. Wählen Sie eine Form, die Sie stört, etwa eine Sitzung, die keiner mehr will. Fragen Sie die Ältesten, warum es sie gibt (Chesterton: „Geh und denk nach“). Prüfen Sie sie an den fünf Steinen und formulieren Sie Ihre eigene These in einem Satz. Tun Sie den ersten Schritt innerhalb eines Monats.
- Zurück nach vorn – keine Parole für Nostalgiker und keine für Revolutionäre. Der ganze Text als pdf.
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