Schön, dass ihr da seid

zeit algerien – TCG-Ohof

 

Während alle Welt auf Tore und Tabellen der Fußball-WM schaut, erzählt die ZEIT von einem kleinen Ort, der die vielleicht schönste Geschichte des Turniers schreibt – ohne ein einziges Spiel zu gewinnen.

Lawrence heißt das Städtchen, mitten in Kansas, USA – dort, wo man im Autoradio, wie der Autor Christian Spiller schreibt, jemanden von seinem Truck, seiner Freundin und seiner Lieblingsbar singen hört. Ausgerechnet hier hat die algerische Nationalmannschaft ihr WM-Quartier bezogen. Vier Teams haben sich rund um das zentral gelegene Kansas City einquartiert – England, die Niederlande, Argentinien und eben Algerien in Lawrence.

Vielen Einheimischen sagte das nordafrikanische Land vorher kaum etwas. Der Künstler Stan Herd gibt offen zu, er habe zuerst gedacht: „Algerien? Das ist in der Nähe von Marokko, oder?“ Also nahm sich die Stadt vor, sich „anständig“ vorzubereiten: In der Bibliothek gab es Veranstaltungen über Land, Kultur und Sprache der Gäste.

Und dann geschah Unerwartetes. Als das Team an einem Sonntag um 23 Uhr im strömenden Regen ankam, hatte niemand eine Begrüßung organisiert – trotzdem standen Hunderte da. Es kamen algerischstämmige Familien aus Olathe, etwa 40 Minuten entfernt, von deren Gemeinde Bürgermeister Brad Finkeldei nach eigenem Bekunden gar nichts gewusst hatte. Sie schwenkten Flaggen aus den Dachfenstern ihrer SUVs und zündeten bengalische Feuer. Aber es kamen auch Einheimische wie der Straßenmusiker Tommy, dessen Dankesvideo viral ging. Tags darauf, beim öffentlichen Training, spielte die Marching Band der Universität die algerische Hymne, es wurde getrommelt, getanzt und Couscous verkauft; danach kickten die Profis mit den Kindern der Stadt. Trainer Vladimir Petković sprach später von Gänsehaut.

Die Spuren ziehen sich durch den Ort: In den Schaufenstern der Massachusetts Street hängen algerische Wimpel, an den Laternen Banner mit dem halb englischen, halb französischen Reim „1, 2, 3, Viva L’Algerie“. Herd legte auf einer Wiese aus Pflastersteinen und rostfarbenem Rindenmulch Halbmond und Stern – eine riesige algerische Flagge, am besten von oben zu sehen. In der Sportsbar Red Lyon bleibt während der Algerien-Spiele ein Tresen alkoholfrei, mit einer stillen Ecke zum Beten.

Eine Schlüsselfigur ist Sajedah „Saj“ Andalsi, 23, Designstudentin. Ihre Mutter Karima kam 1989 aus Algerien in die USA, verliebte sich und blieb; Saj und ihre Schwester Aya sind in Kansas geboren. Als sie hörte, dass das Team kommt, gründete sie eine Facebook-Gruppe mit praktischen Infos zu Hotels, Transport und Halal-Essen – einfach, wie sie sagt, um „meinen Leuten“ zu helfen. Beim Training ließ sie sich von den Spielern den Schal signieren, die zur Unterscheidung ihre Rückennummern dazuschrieben: die 18 von Mohamed Amoura, die 7 von Riyad Mahrez, die 11 von Anis Hadj Moussa. Als die Hymne erklang, weinte ihre Mutter. Saj selbst, die in Kansas mit Kopftuch noch nie Hass erlebt hat, fasst es so zusammen: „Die USA sind nicht nur Trump.“

Hinter all dem steht eine politische Tiefenschärfe. Lawrence ist, wie es dort heißt, eine „blaue Insel im roten Meer“ – ein demokratischer Flecken, geprägt von der Universität mit ihren rund 30.000 Studierenden; in vielen Türen hängen „ICE Out“-Schilder. Doch Finkeldei macht es sich nicht leicht. Auf die Frage, ob solche Gastfreundschaft nur hier möglich sei, erzählt er von Joe Ceballos, dem Bürgermeister des 700-Seelen-Orts Coldwater – einem Rancher, der als Vierjähriger aus Mexiko kam und dem nun die Abschiebung droht. Selbst in diesem Ort, wo Finkeldei schätzt, dass 80 Prozent den Präsidenten unterstützen, lehnen sich die Leute dagegen auf, dass „einer von ihnen“ außer Landes geschafft werden soll.

Und das Schönste, was der Bürgermeister betont: Gastfreundschaft ist keine Einbahnstraße. Sinngemäß sagt er, es hätte ja auch sein können, dass nur eine Seite nett ist – aber zusammen habe man das ziemlich gut gemacht. Aus Fremden wurden Nachbarn, und beide Seiten wurden reicher.

Genau hier dürfen wir ansetzen – egal, wo dieser Newsletter gelesen wird. Fremde, die zu uns kommen, gibt es überall. Wir müssen ihnen kein Stadion bieten. Aber wir können dasselbe tun wie Lawrence, im Kleinen: uns vorbereiten, statt uns überraschen zu lassen. Räume wirklich offen machen – ein Gruß in einer fremden Sprache, ein Platz zum Beten, ein Essen, das auch für den Gast passt. Gemeinsam etwas tun, statt nur zu „betreuen“. Und es laut und froh sagen: Schön, dass ihr da seid. Mehr von diesen Geschichten … 

Die ganze Geschichte zum Nachlesen in der ZEIT: „Die unwahrscheinlichste Liebesgeschichte der WM“ von Christian Spiller (23.06.2026) → https://www.zeit.de/sport/2026-06/algerische-nationalmannschaft-fussball-wm-lawrence-kansas-usa/komplettansicht

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