Im Dezember 2024 standen in Jerusalem die Siebtische leer. Zwanzig Jahre lang hatten Freiwillige dort graue Erde vom Tempelberg durchgespült. Nun waren die Spenden um rund siebzig Prozent eingebrochen. Ein arabischer Sender sprach von einer Station der „Judaisierung“. Israelische Unterstützer sahen ein Stück Menschheitserbe in Gefahr. Dieselbe Erde, zwei Etiketten.
Der Berg, an dem niemand graben darf
Am wichtigsten Fundort Jerusalems hat nie eine reguläre Grabung stattgefunden. Dann rollten 1999 die Bagger an, für einen Notausgang einer unterirdischen Moschee. Rund 9.000 Tonnen Erde landeten auf einer Müllkippe im Kidrontal. Zwei Studenten sammelten am nächsten Tag eine Tüte Scherben ein. Daraus wurde eines der ungewöhnlichsten Projekte der Archäologie.
Siegel, Böden, Pfeilspitzen
Mein neuer Essay folgt dieser Erde Schicht für Schicht durch drei Jahrtausende. Er erzählt von einem Siegel mit dem Namen einer Priesterfamilie aus dem Buch Jeremia. Er zeigt die farbigen Böden, über die einst die Pilger am Tempel des Herodes gingen. Und er erzählt von einem zwölfjährigen Mädchen, das ein Amulett mit dem Namen eines Pharaos fand.
Was die Schlagzeilen verschweigen
Doch der Essay fragt auch nüchtern: Was beweist ein Fund, der ohne Fundschicht im Sieb liegt? Die schärfste Kritik kommt aus Israel selbst. Und die Erde erzählt mehr als eine Geschichte. Ein Drittel aller Münzen stammt aus der christlichen Zeit von Byzanz, jede vierte Scherbe aus frühislamischer Zeit. Der Berg war nie verlassen – und er gehörte nie nur einem.
Bald folgt hier übrigens der zweite Teil. Er fragt nicht mehr, was im Schutt liegt, sondern wem die Vergangenheit gehört. Es geht um Glaube, Geld und Politik – und um die Frage, wie man einen heiligen Ort teilt, ohne ihn zu verlieren.
