Der volle Kühlschrank und die leere Seele

Ein humorvoller Blick auf die menschliche Gier — und was Gott damit zu tun hatVoller Kühlschrank und leere Seele

Es war einmal ein Supermarkt. Er öffnete seine Türen — und der Mensch betrat ihn. Mit einem leeren Bauch und einem Einkaufszettel für sechs Dinge. Zwei Stunden später stand er am Kassierband, betrachtete den vollgepackten Wagen und dachte: „Ich brauchte doch eigentlich nur Brot.“

Willkommen bei einem der ältesten menschlichen Phänomene: der Gier. Nicht die dramatische, kapitalistische Großmanngier aus dem Wirtschaftsteil — sondern die ganz alltägliche, schleichende, weitgehend harmlos wirkende Variante. Die, die uns nachts noch einen dritten Keks essen lässt. Die uns dazu bringt, beim Buffet einen Teller zu nehmen, der architektonisch gesehen einem Hochhaus gleicht. Die flüstert: „Nimm lieber mehr — sicher ist sicher.“

Bei TCG-Food in Meinersen-Ohof retten ehrenamtliche Helferinnen und Helfer jede Woche zwischen 300 und 400 Kisten Lebensmittel vor dem Müll — verteilt an 300 bis 500 Menschen, die sie brauchen oder schätzen. In 21 Monaten kamen so rund 60 Tonnen zusammen. Sechzig Tonnen Essen. Das ist eine Menge Brot. Das ist auch ein Spiegel.

Denn woher kommen diese Lebensmittel? Sie kommen aus Läden, die zu viel bestellt haben. Aus Haushalten, die zu viel eingekauft haben. Aus einer Gesellschaft, in der der Kühlschrank voll ist — und trotzdem täglich eingekauft wird. Sicher ist sicher.

Anekdote aus dem Alltag

Eine Frau aus unserer Gemeinde – nennen wir sie Hildegard – brachte eines Tages vier Gläser Erdbeermarmelade zur Lebensmittelausgabe. „Die sind noch gut“, sagte sie. „Ich hab sie 2019 selbst eingemacht.“ Pause. „Ich hab‘ aber noch 14 weitere Gläser zuhause.“ — Hildegard hatte Erdbeeren gerettet. In Massen. Weil man ja nie weiß. Die Lektion: Manchmal rettet man Lebensmittel, manchmal rettet man sich davor, sie wegwerfen zu müssen. Das ist ein Unterschied.

Die Bibel ist erstaunlich präzise in dieser Sache. Nicht moralisierend, sondern geradezu nüchtern beobachtend: Wer zu viel nimmt, merkt es. Am Körper. An der Seele. An der Mülltonne.

„Hast du Honig gefunden? Iß, soviel dir gut tut, damit du nicht satt wirst und ihn ausspuckst!“— Sprüche 25,16

Der Prediger Salomo hat das vor dreitausend Jahren formuliert — und er hätte es genauso für das Frühstücksbuffet im Familienhotel schreiben können. Zu viel Honig ist kein Segen. Zu viel Käse auch nicht. Und zu viel von allem, was wir nicht brauchen, macht uns nicht reicher — es macht uns schwerer. Im wörtlichen wie im übertragenen Sinne.

Übergewicht ist dabei keine Frage der Moral, sondern oft eine Folge des Überflusses, in dem wir schwimmen. Wenn jederzeit alles verfügbar ist, muss man erst lernen, Nein zu sagen — zu sich selbst. Das ist eine unterschätzte Freiheit.

„Genügsamkeit ist eine natürliche Tugend; Habgier ist eine Sünde.“— Augustinus von Hippo (354–430)

Der Kühlschrank als Beichtstuhl

Wer einmal ehrlich seinen Kühlschrank aufräumt — wirklich aufräumt, also auch die Ecken hinten links — der begegnet seiner Vergangenheit. Da ist der Joghurt mit dem mutigen Blauschimmelrand. Das angebissene Stück Käse aus einer anderen Woche. Und die Salatgurke, die auf eine Art flüssig geworden ist, die eigentlich nicht vorgesehen war.

Der volle Kühlschrank ist unser ganz persönliches Denkmal der Gier. Nicht der bösen Gier — der menschlichen. Der, die sagt: „Ich will Möglichkeiten haben.“ Der, die aus Angst vor dem Mangel handelt, obwohl kein Mangel da ist.

„Darum sage ich euch: Sorgt nicht um euer Leben, was ihr essen und trinken werdet […] Ist nicht das Leben mehr als die Nahrung?“— Matthäus 6,25

Jesus sagt das nicht, um uns hungern zu lassen. Er sagt es, um uns zu erden. Das Leben ist mehr als die Vorratshaltung. Die Freude kommt nicht aus dem vollen Regal — sie kommt aus der Dankbarkeit für das, was auf dem Tisch steht.

Was TCG-Food uns lehrt

Das Team von TCG-Food rettet jede Woche Lebensmittel — und verteilt sie an Menschen, die froh darüber sind. Mit freiwilligen Spenden werden drei Kinderheime unterstützt, unter anderem in Regionen, die echten Hunger kennen. Keine Dramatik, keine Kampagne. Einfach tun, was nötig ist.

Das ist das Gegenprogramm zur Gier: nicht der erhobene Zeigefinger, sondern die ausgestreckte Hand. Nicht die Predigt über Verschwendung, sondern die Kiste, die von A nach B getragen wird. Lebensmittelrettung ist Nächstenliebe in Arbeitskleidung.

„Wer dem Armen gibt, dem wird es nicht mangeln; wer aber seine Augen abwendet, der wird viele Flüche haben.“— Sprüche 28,27

Die gute Nachricht am Ende: Gier lässt sich umerziehen. Durch Dankbarkeit. Durch Teilen. Durch die nüchterne Frage vor dem Einkauf: Brauche ich das wirklich — oder will ich nur sicher gehen?

Und wenn Hildegards 14 Marmeladengläser eines Tages den Weg zu TCG-Food finden — dann ist das kein Versagen. Das ist Gnade, die Früchte trägt. Im wahrsten Sinne.

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