Karfreitag damals und heute

Von Bachs Matthäus-Passion zum ICF-Musical „Saving Catch“

Knapp 300 Jahre liegen zwischen zwei musikalischen Annäherungen an die Passionsgeschichte – und doch verbindet sie mehr, als man auf den ersten Blick vermuten würde.

Zwei Werke, ein Anlass

Am 11. April 1727, einem Karfreitag, erklang in der Leipziger Thomaskirche zum ersten Mal die Matthäus-Passion von Johann Sebastian Bach. Über zweieinhalb Stunden füllten zwei Chöre, zwei Orchester und mehrere Solisten den Kirchenraum mit einem Werk, das heute als Gipfel der protestantischen Sakralmusik gilt. Doch damals: Schweigen. Keine Rezension, kein Kommentar des Stadtrats, kein überlieferter Brief, der die Aufführung würdigte. Stattdessen soll eine anwesende Adlige bei einer späteren Aufführung 1729 empört bemerkt haben, es sei ja wie in einer Opernkomödie.Chatgpt image . apr. – TCG-Ohof

Fast genau 299 Jahre später, am Karfreitag 2026, öffnet die „The Hall“ im zürcherischen Dübendorf ihre Türen für „Saving Catch“ – das Oster-Musical der ICF Church Zürich. Über 40 Darstellerinnen und Darsteller, eine Liveband, aktuelle Pop-Hits und inspirierende Worte von Pastor Leo Bigger erzählen die Geschichte von Petrus und Jesus. An einem einzigen Osterwochenende gibt es sieben Vorstellungen – auf Schweizerdeutsch und Hochdeutsch –, dazu einen Livestream auf YouTube. Der Eintritt ist frei.

Zwei Werke, beide entstanden aus dem Wunsch, die Passionsgeschichte einer Gemeinschaft erlebbar zu machen. Doch die Mittel, die Ästhetik und die Wirkungsabsicht könnten kaum unterschiedlicher sein.

Der erzählerische Zugang

Bachs Matthäus-Passion folgt dem Evangeliumstext wortgetreu: Der Evangelist (Tenor) erzählt die Geschehnisse im Bibelwortlaut, unterstützt von Solisten in den Rollen von Jesus, Petrus, Pilatus und dem Volk. Auf einer zweiten, reflektierenden Ebene unterbrechen Choräle und Arien die Erzählung und laden die Zuhörenden ein, das Gehörte auf sich selbst zu beziehen. Diese Doppelstruktur – Handlung und Betrachtung – war nicht Bachs Erfindung, doch kein Komponist vor ihm hatte ihr eine solche dramatische Durchschlagskraft verliehen.

„Saving Catch“ wählt einen anderen erzählerischen Einstieg. Die Geschichte wird nicht aus der Perspektive des Evangelisten, sondern durch die Augen des Petrus erzählt: ein Fischer, der nach anfänglichem Zögern alles hinter sich lässt, um Jesus zu folgen, der eine enge Freundschaft mit ihm aufbaut – und der am Ende vor der Frage steht, ob er zu seinem Versprechen steht. Die Passionsgeschichte wird damit zur persönlichen Bewährungsprobe eines einzelnen Menschen, statt zur liturgisch getragenen Nacherzählung des Leidenswegs Christi.

Musik als Sprache der Zeit

Bach schrieb für eine Besetzung, die den Rahmen seiner Zeit sprengte: Doppelorchester, Doppelchor, ausschliesslich Knabensoprane, ein reiches Instrumentarium von Oboen d’amore bis zu Gamben. Seine Klangsprache war barock, hochkomplex und von polyphoner Meisterschaft geprägt. Der berühmte Eingangschor „Kommt, ihr Töchter, helft mir klagen“ entfaltet über einem dialogischen Chorgesang eine dritte, schwebende Sopranstimme mit dem Choral „O Lamm Gottes unschuldig“ – ein architektonisches Klanggebilde, das in der Oratorienliteratur bis heute seinesgleichen sucht.

Das ICF-Musical setzt auf eine erstklassige Liveband und aktuelle Hits – die Musiksprache unserer Gegenwart. Wo Bach die Sprache der lutherischen Kirchenmusik auf ihren Höhepunkt trieb, spricht „Saving Catch“ die Sprache der Pop- und Musicalkultur. Es ist eine bewusste Entscheidung: Die Passionsgeschichte soll Menschen dort abholen, wo sie stehen – nicht in einer barocken Klangwelt, sondern in der Lebenswirklichkeit des 21. Jahrhunderts. Schweizerdeutsch als Aufführungssprache unterstreicht diesen Anspruch auf Nahbarkeit.

Gottesdienst, Konzert, Event

Ein wesentlicher Unterschied liegt im Rahmen der Aufführung. Bachs Matthäus-Passion war kein Konzert. Sie erklang während der Karfreitags-Vesper, eingebettet in einen vier- bis fünfstündigen Gottesdienst, der um 14 Uhr begann – nachdem die Gemeinde bereits am Morgen einen Gottesdienst von 7 bis 11 Uhr besucht hatte. Die Passion war liturgische Handlung, nicht Kunstgenuss.

„Saving Catch“ bewegt sich in einem Zwischenraum: Es ist kein klassischer Gottesdienst, aber auch kein rein säkulares Kulturereignis. Die Shows enthalten inspirierende Gedanken des Pastors, im Anschluss an die Abendvorstellungen laden Worship Nights zum gemeinsamen Singen ein. Es gibt ein Kinderprogramm, eine Foyer- und Bar-Öffnung 60 Minuten vor Beginn und die Möglichkeit, Sitzplätze online zu reservieren. Die Grenzen zwischen Gottesdienst, Gemeinschaftserlebnis und Entertainment-Event verschwimmen bewusst – ein Konzept, das der freikirchlichen Tradition des ICF entspricht und möglichst niederschwellig einladen will.

Zugang und Reichweite

Bach komponierte für eine Kirchengemeinde. Die Thomaskirche fasste einige Hundert Gläubige. Die Partitur war handschriftlich, Aufführungen blieben an den Ort gebunden. Nach Bachs Tod 1750 geriet das Werk für fast achtzig Jahre in Vergessenheit, bis der junge Felix Mendelssohn Bartholdy 1829 mit 150 Choristen der Berliner Sing-Akademie eine stark gekürzte Fassung aufführte und damit die grosse Bach-Renaissance anstoss.

Das ICF-Musical ist auf maximale Reichweite angelegt: sieben Shows an einem Wochenende in einer Veranstaltungshalle mit Tausenden von Plätzen, ergänzt durch einen YouTube-Livestream. Die Promotional-Strategie umfasst Social-Media-Pakete zum Herunterladen und WhatsApp-Einladungen. Wo Bach auf die stille Wirkung innerhalb einer überschaubaren Gemeinde setzte (oder setzen musste), denkt das ICF in den Kategorien zeitgenössischer Eventkultur.

Was sie verbindet

Bei allen Unterschieden teilen beide Werke einen gemeinsamen Kern: den Versuch, die Passionsgeschichte so zu erzählen, dass sie die Menschen ihrer jeweiligen Zeit innerlich berührt. Bach tat dies mit den Mitteln höchster musikalischer Kunstfertigkeit. Das ICF tut es mit den Mitteln moderner Unterhaltungskultur. Beide nehmen dabei in Kauf, anzuecken: Bach wurde vorgeworfen, zu opernhaft zu sein; die ICF-Musicals dürften traditionelleren Kirchengemeinschaften als zu leichtfüssig erscheinen.

Vielleicht ist gerade darin die tiefste Parallele zu finden: Beide Werke stehen an der Schnittstelle zwischen dem Heiligen und dem Weltlichen, zwischen Tradition und Innovation. Bach brachte Opernelemente in die Kirche, das ICF bringt Kircheninhalte in die Eventhalle. Beide brechen die Formen ihrer Zeit auf, um eine Geschichte zu erzählen, die älter ist als beide – und die offenbar nie aufhört, nach neuen Ausdrucksformen zu verlangen.


Bachs Matthäus-Passion wurde am 11. April 1727 in Leipzig uraufgeführt. „Saving Catch“ des ICF Zürich war vom 3. bis 5. April 2026 in der „The Hall“ in Dübendorf zu sehen und ist im Livestream auf YouTube verfügbar.

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