Paartherapeut Claus Trauernicht erzählt im TCG-Ohof Geschichten aus seiner Kasseler Praxis und singt dazu. Ein Abend zum Lachen, zum Schlucken und zum Mitsingen
Am Ende hält jeder im Saal ein Feuerzeug in der Hand, und auf jedem steht eine Internetadresse. Claus Trauernicht hat sie vor der Pause verteilt, damit das Publikum zu einem Refrain „romantische Stimmung machen“ kann. Im zweiten Teil bekommen sie noch eine zweite Aufgabe. „Wenn Sie Ihrem Partner sagen wollen, dass Sie gern eine Paartherapie machen würden, zünden Sie zu Hause eine Kerze an und legen das Feuerzeug daneben“, rät er. „Findet der andere die Idee gut, stellt er eine zweite Kerze dazu. Wessen Kerze zuerst abgebrannt ist, der ruft beim Therapeuten an.“ Der Saal lacht, und mancher schaut dabei verstohlen zur Seite.
„Feuer für die Beziehung – ein Paartherapeut packt aus“ hieß der Abend am Freitag, 2. Oktober, im TCG-Ohof in Meinersen. Der Diplom-Sozialpädagoge Trauernicht führt in Kassel eine Praxis für Paartherapie. Mit Gitarre, Geschichten und viel trockenem Humor machte er daraus eine Mischung aus Lesung, Konzert und offener Sprechstunde. Gastgeber Matthias Boeddinghaus vom Ohofer Gemeinschaftsverband hatte zur Begrüßung versprochen, man sei mit dem Therapeuten „eigentlich allein“, und er werde „aus dem Nähkästchen plaudern“. Das stimmte.
Grüße aus dem Bauministerium
Schon der Einstieg zeigt, wie Trauernicht arbeitet. Er überbringe Grüße von Bundesbauministerin Verena Hubertz, sagt er mit ernster Miene. Er kenne die Frau zwar nicht, aber Paartherapeuten fühlten sich „geradezu beauftragt“ von ihrem Ministerium. Getrennte Paare bräuchten schließlich zwei Wohnungen. „Wenn wir Paare zusammenhalten, haben wir der Wohnungsnot bald ein Ende gesetzt.“ Also eröffnet er die erste „Massen-Paartherapie“. Sprechen müsse niemand, „aber Sie dürfen bei jeder Liedzeile, die Sie erkennen, sofort mitsingen.“
Auch von sich selbst erzählt er mit Selbstironie. Als er vor gut zwölf Jahren anfing, ließ er sich „Paarberatung“ quer über sein Auto drucken. Noch am selben Tag las ein Fremder an der Tankstelle die Aufschrift laut vor und kommentierte sie: „So ein Quatsch. Ich kenne keine Beziehung, die gehalten hat – meine eigene auch nicht.“
Momente, die dem Therapeuten nicht gehören
Dann wird es ernster, und Trauernicht hatte das Publikum ausdrücklich darauf vorbereitet: „Sie merken vielleicht: Das könnten auch wir sein.“ Er erzählt, natürlich anonymisiert, von einer Frau, die ihren Partner 22 Jahre lang herabsetzte, weil sie insgeheim nicht glauben konnte, dass jemand sie so liebt, wie sie ist. Ihr Mann hörte die Vorwürfe ruhig an und lächelte. Erst als sie in einer Einzeltherapie gelernt hatte, sich selbst anzunehmen, wendete sich die Geschichte. Drei Jahre später stand das Paar wieder in seiner Praxis, strahlend und frisch verheiratet, nach 25 gemeinsamen Jahren.
Am stillsten wird der Saal bei einer anderen Geschichte. Eine Frau hatte bei der Geburt ihres ersten Kindes vergeblich auf ihren Mann gewartet. Daraus zog sie für Jahrzehnte einen Schluss: Er liebt weder mich noch die Kinder. Gesagt hat sie es nie. In der Praxis zeichnet sie eine Zeitlinie ihrer Verletzungen auf, und ihr Mann hört zu, ohne sich zu rechtfertigen. Gerade darin liege die Stärke, erklärt Trauernicht. „Man kann einem Menschen, der eine Verletzung erlebt hat, nicht sagen: Das war gar nicht so schlimm. Das können Sie mit Ihrem Partner bis ins Grab so machen.“ Am Ende kniet der Mann vor seiner Frau und bittet um Vergebung. „Das sind Momente, da denkt man als Therapeut: Der Moment gehört mir nicht“, sagt Trauernicht leise. „Das ist etwas ganz Heiliges.“
Die Nachtcreme und der See
Die heiterste Geschichte erzählt von einem Paar, das nach einer geschäftlichen Pleite jahrzehntelang „parallel“ gelebt hatte und nun vor der Frage stand, ob es zusammen oder getrennt alt werden wollte. Monatelang hatte der Mann ein Thema mit sich herumgetragen, das er nicht anzusprechen wagte. In der Praxis rang er sich schließlich dazu durch: „Ich kann deine Nachtcreme nicht riechen.“ Die Antwort seiner Frau kam ohne Zögern: „Dann nehme ich halt eine andere.“ Nach zehn Jahren ohne Berührung ging das Paar schließlich im Urlaub an einem einsamen See nackt baden. Zur Sorge der Frau, sie sehe nicht mehr aus wie vor zwanzig Jahren, meinte ihr Mann mit Blick auf seinen Bauch nur: „Wem sagst du das?“ In die Praxis kamen die beiden danach nicht wieder.
Zwischen den Geschichten greift Trauernicht zur Gitarre. Er singt bekannte deutsche Lieder von Marius Müller-Westernhagen, Andreas Bourani, Silbermond, der Klaus Lage Band und der Münchener Freiheit, und manchmal dichtet er sie um. Aus Bouranis Trennungslied wird so ein Lied über ein Paar, das neu zueinanderfindet. Den Refrain singt der ganze Saal mit, und Trauernicht empfiehlt vorher, kurz zum Partner hinüberzuschauen: „Wenn sich die Lippen nicht bewegen, ist es vielleicht nicht so gut mitzusingen.“ Bei der Silbermond-Ballade verrät er, dass er gerade seine Frau angesehen habe. Sie saß in der letzten Reihe.
Nicht die Kommunikation, sondern die Haltung
Im zweiten Teil wird der Abend zum kleinen Seminar, das dennoch nie belehrend wirkt. Trauernicht spricht offen über unterschiedliches sexuelles Verlangen, das es in fast jeder Beziehung gebe, „in alle Richtungen“. Wenn sich ein Paar in ein ständiges Ja und Nein verhake, habe „das Nein die Definitionsmacht“. Für viele überraschend ist seine Beobachtung, dass Paare mit dem Satz kommen, sie müssten an ihrer Kommunikation arbeiten. „Oft ist das nicht das Problem. Das Problem ist die Haltung zueinander.“ Im Alltag zwischen Hausbau und Kindern beginne man, ein „Minuskonto“ zu führen: Wenn du nicht mehr, dann ich auch nicht mehr. Dagegen helfe nur, die Achtung voreinander wieder einzuüben und sie im Alltag auch zu zeigen.
Er beschreibt außerdem drei typische Streitmuster. Bei manchen Paaren wollen beide um jeden Preis Recht behalten, weil Verlieren sich wie Untergehen anfühlt. Bei anderen zieht sich einer zurück, während der andere ihm hinterherläuft, und beide haben dabei vor allem Angst voreinander. Wieder andere schweigen ein Thema gemeinsam tot. Manchmal hilft ein vereinbartes Handzeichen: jetzt kein Wort mehr, später weiterreden. Zum Schluss erzählt er von einer „Trennung auf Zeit“ mit festen Regeln. Ein dauerstreitendes Paar meldete sich schon nach drei Wochen und bekannte verliebt, die Idee sei „total blöd“ gewesen: „Wir brauchen ein bisschen Reibung.“
„Ich wünsche Ihnen, dass Sie mich nicht brauchen“, sagt Trauernicht zum Abschied. Er macht auch klar, wann es sinnvoll ist, Hilfe zu holen. Manche Paare suchten ihn bewusst auf, weil er Christ sei und ihnen „im Glaubensverständnis einfach mitschwingt“.
Boeddinghaus dankte dem Gast für einen Abend, der „zu ganz neuen Gedankengängen“ bewegt habe, und überreichte ihm zwei Tassen des Hauses, „damit es passt“. Wer wollte, konnte beim Hinausgehen noch Brokkoli aus der Lebensmittelrettung des TCG mitnehmen, die am Nachmittag bereits 40 Menschen versorgt hatte. Die Spenden des Abends fließen in das Projekt, das im Haus gerade alle beschäftigt: ein neues Dach für das TCG-Ohof.
Info
Claus Trauernicht ist Diplom-Sozialpädagoge mit Schwerpunkt Familienberatung und führt in Kassel eine Praxis für Paartherapie. Er bietet auch Onlineberatung an: paarberatung-trauernicht.de
